Re: so aus dem aermel - nichts ist anders - doch!
Geschrieben von HotelNoir am 09. Januar 2007 20:45:54:
Als Antwort auf: so aus dem aermel - nichts ist anders - da ist das problem (n/t) geschrieben von detlef am 09. Januar 2007 19:19:20:
Ohne freien Willen gibt es keine Schuldigen mehr. Ohne Schuldige sind wir auf uns selbst zurückgeworfen. Solange man Schuldige machen kann, wägt man sich selbst im Recht. Aus der deterministischen Sichtweise heraus sind wir alle gleich schuldig bzw. unschuldig. Da unser Ego sich gerne selbst ein wenig erhöht, hatte die deterministische Sichtweise deshalb bisher noch nie Hochkonjunktur.
z.B. der Vergewaltiger. Unter der Prämisse des deterministischen Sichtweise ist er nicht verantwortlich für seine Tat. Er ist bloss ein Produkt des Umfeldes in das er hineingeboren wurde und der Gene die ihm vererbt wurden. Es gibt nichts an ihm, das man verantwortlich machen kann. Er kann sowenig für sein Verhalten wie ein Kampfhund den man aufs Töten abrichtet. Man muss sich in diesem Kontext sowieso fragen, woher der Mensch die Überzeugung hat, der freie Wille unterscheide ihn vom Tier. Die Mechanismen und Strukturen sind doch genau die selben. Und auch das Tier kann zwischen Angriff und Flucht oder als Katze zwischen Thon und Lachs "frei" wählen, wenn man es lässt. Dies nur am Rande. Die deterministische Sichtweise lenkt die Sicht vom bösen Vergewaltiger weg auf den Kontext, in dem er lebt. Aufgrund der Komplexität der modernen Welt scheint mir die deterministische Sichtweise mehr und mehr Einzug zu halten. Es wird nicht mehr nur der Delinquent, sondern auch sein Umfeld in die Betrachtung miteinbezogen. Allerdings führt die inkonsequente Anwendung der deterministischen Sichtweise eher zu noch mehr Orientierungslosigkeit, z.B. wenn man gewisse Computergames verbieten will um jugendliche Amokläufer nicht zu animieren.
Wenn man aber wirklich begreift, welchen verheerenden Einfluss der Begriff "Schuld" auf die ganze Menschheit hat, wird man das geistige Potential erkennen, das in der deterministischen Sichtweise steckt. Mir persönlich hilft meine deterministische Sichtweise aber schon in der Bewältigung meiner Alltagsprobleme sehr. Mein Umgang mit schwierigen Situationen und Menschen gestaltet sich viel entspannter als zu der Zeit als ich noch ein Moralist war und mich dauernd fragen musste, warum soviele Idioten frei herumlaufen. Es ist mir viel klarer was in der einzelnen Situation zu tun ist. Ich sehe den Menschen als Sammelsurium von verschieden geprägten Persönlichkeitsanteilen ohne zentrale übergeordnete Instanz (denn die zu etablieren erfordert viel spirituelles Training). Es braucht viel bis ich über jemanden wütend bin und selbst dann ist mir noch bewusst, dass der Betreffende nicht wirklich für sein Verhalten verantwortlich ist und meine Wut mehr mit mir als mit ihm zu tun hat. Gleichzeitig ist auch mein Umgang mit meinen eigenen Schwächen viel entspannter. Natürlich falle ich immer wieder in meine alten Programmierungen zurück, aber wann immer ich das erkenne und mich wieder auf die deterministische Sichtweise einlasse, entspanne ich mich.
Für mich hat sich durch meine Erkenntnis des unfreien Willens mein Weltbild völlig verändert. Keine Schuldigen mehr zu machen war zwar sehr schwierig und ich musste mich von sehr vielen liebgewonnenen Ansichten verabschieden. Doch die Früchte sind es hundertmal wert.
Grüsse HotelNoir
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