Katastrophen nichts als Katastrophen kemman (Die Helmsauer Marie)

Geschrieben von Fred Feuerstein am 12. August 2002 16:17:22:

Angesichts der von Jahr zu Jahr objektiv zunehmenden Zahl der allgemeinen Katastrophen (in allen Bereichen!) hab ich mich an eine alte Prophezeiung erinnert welche die Helmsauer Marie im letzten Jhrd. u.a. von sich gab.
Interessant ist da auch wieder einmal, daß kürzere Zeitangaben stimmten ("1945 macht der Ami die Tür auf") längere Zeitangaben nicht mehr (Analogie zu den Feldpostbriefen von Andreas Rill) An der Richtigkeit des Geschauten ändert sich jedoch nichts: Die Helmsauer Marie genoß zu ihrer Zeit eine große Hochachtung. Bemerkenswert ist, daß sie niemals Geld für ihre Dienste verlangte.


Entnommen: Wolfgang Johannes Bekh: Bayrische Hellseher, Knaur 1976

Die Helmsauer Marie
Im abgeschiedenen Hügelland östlich der niederbayerischen Hauptstadt Landshut, mitten im sogenannten Kröning, dem ural-ten bäuerlichen Hafnergebiet entlang der kleinen Vils, am genau-sten gesagt im Dreieck zwischen den Dörfern Diemanskirchen, Dietelskirchen und Schwatzkofen, lag die Heimat der Helmsauer Marie. Unter diesem Namen war sie allerdings nur den Fremden bekannt, den Ratsuchenden, die täglich zu Dutzenden vor ihrem bescheidenen Haus Schlange standen und sich mit Geduld wappneten, bis die Reihe an sie kam. Im Dorf Helmsau, an dessen Rand ihr kleines Anwesen stand, hieß sie nach ihrem Hausnamen d'Huaber Marie. Geschrieben hat sie sich Burgstaller Maria. Geboren war sie in Geiselhöring als arme Häuslertochter am Nikolaustag des Jahres 1892. Eine wunderliche Weibsperson muß sie schon immer gewesen sein, die Marie, denn der Mann war ihr davon; und sie hauste jahrzehntelang mit einem zusammen, dem seinerseits die Frau durchgegangen war. Kinder hatte sie keine ge-boren, aber zwei Söhne einer armen Magd aufgezogen.
Ein ursprüngliches Land ist auch heute der Kröning noch, mit stundenweiten Wäldern und Feldern, mit bewegten Hügeln und schmalen Fahrten. Häuser gibt es wenige, wie es sich gehört, und weit ist der Himmel. Der Blick ans Firmament, ans nächtliche be-sonders, an dem in dunkler Nacht hell die Milliarden Sterne er-strahlen, hat es der Huber Maria immer wieder angetan. Ihre oft verblüffend genaue Voraussage künftiger Ereignisse führte sie auf die Kenntnis der Sterne, aber auch auf das Wissen um die Zahlen und Farben zurück.
Geld hat sie nie genommen. Aber die vielen Leute, arme und rei-che, junge und alte, die aus weiter Ferne zu ihr kamen, brachten mitunter kleine Aufmerksamkeiten mit, ein Buch oder ein paar Handschuhe, eine Bluse oder eine Tafel Schoklad. Wenn sie Geld genommen hätte, das hört man in ihrem Bekanntenkreis noch heute, wäre sie Millionärin geworden, denn ausgegeben hat sie kaum einen Pfennig. Unvorstellbar bescheiden lebte sie. Als der Huber Anton, mit dem sie gehaust hatte, gestorben war und ihre zwei Ziehkinder sich ein anderes Dach und Ehegattinnen ge-sucht hatten, lebte sie ganz allein in ihrem Gütl, streute den Hüh-nern Futter und empfing die Leute in ihrer niedrigen Stube, wo sie hinter dem großmächtigen Tisch saß, im abgeschabten bodenlan-gen Gewand, einen karierten Schurz vor den Leib gebunden und ihr unvermeidliches Kopftuch umgeknüpft.
Als der Homer Andreas, ihr Nachbar, am 2. Dezember 1940 ein-rücken mußte und sich von der Marie verabschiedete, sagte sie: Denk da nix, auf Weihnachtn bist wieder dahoam. Tatsächlich wurde der Andreas wegen eines Knochenleidens bereits am 19. Dezember wieder entlassen. Als er daheim ankam, sagte die Ma-rie: Jatz host bis auf Johanni an Ruah. (Das Fest Johannes des Täufers wird am 24. Juni gefeiert.) Am 20. Juni hat der Andreas erneut zur Musterung müssen. Als er wenige Tage später wieder heimkam, sagte die Marie: Net daß d' moanst, jatz waar alls vor-bei: drei Monat lang lassen 's da jetz koa Ruah nimma. Aber nach-and kimmt hoam und dann is da Kriag für di aus. Tatsächlich mußte sich der Andreas immer neuen Musterungen stellen. Erst im September 1941 wurde er als untauglich entlassen. Seitdem kam kein Mensch mehr zu ihm und er hörte nie mehr etwas vom Generalkommando. Die Voraussage der Helmsauer Marie war eingetroffen.
Daß die Marie die Gabe der Präkognition besaß, ist hundertfach bezeugt. Ein anderer Nachbar, Hiasl mit Rufnamen, hatte im Krieg schwere Gefahren bestanden. Einmal wurde ihm die Mütze durchschossen, ein andermal die Hose. Beide Male kam der Hiasl wie durch ein Wunder ohne nennenswerte Verletzung davon. Den kinnans zehamoi durch d'Haubn schiaßn und zwanzigmoi durch d'Hosn, koa Kugl ko' eahm net o!, sagte Marie wiederholt zu der besorgten Mutter. Sei Stern laßt des net zua! fügte sie dann meist mit einem vielsagenden Blick hinzu. Als der Hiasl aber das letzte Mal auf Urlaub heimkam und sich die Nachbarin in ei-nem vertraulichen Zwiegespräch mit der Marie noch einmal der Gefeitheit ihres Sohnes versichern wollte, schüttelte die Alte fin-ster den Kopf. Naa, so gwiß seg i dees jetz nimma, was i gsegn hab. Des was da -r -i gsagt ha, guit nimma. Sei Stern hot si draaht. Muaßt betn, Nachbarin. Mehr sagte sie nicht. Aber einem ande-ren Dorfbewohner gegenüber sagte sie: Ob der no amoi hoam-kimmt? Wünschn daat i's eahm, aber i glaabs net. Wenige Tage darauf ist der Hiasl im Mittelabschnitt in Rußland gefallen.
Verblüffend ist ihre von vielen Ohrenzeugen bestätigte Aussage über Dauer und Ausgang des Zweiten Weltkriegs. Zunächst pro-phezeite sie, bereits vor Ausbruch des Krieges, daß viele Leute, die eine fremde Sprache sprechen, zum Arbeiten kommen werden. Vielleicht meinte sie damit die Kriegsgefangenen. Vielleicht aber spielte sie damit auch bereits auf die sogenannten Gastarbeiter der sechziger und siebziger Jahre an. Kurz nach Ausbruch des Krieges sagte sie voraus, daß dieser bis zum Jahre 1945 dauern werde. Ihre verbürgten Worte waren: 45 macht da Ami am 1. Mai d' Tür auf! Und als man sie entsetzt fragte: Soll das viel-leicht heißen, daß wir den Krieg verlieren?, erwiderte sie ebenso unmißverständlich wie unerschrocken: Moanst', daß d' Hada-lumpn an Kriag gwinga?
Diese Auskunft gab sie jedem, der sie hören wollte. Nicht verwun-derlich, daß eines Tages die Polizei vor der Tür stand und sie zum Verhör abholte. Mehrere Tage behielt man sie in Untersuchungs-haft. Begreiflich, daß sie sich, was Voraussagungen über die Zu-kunft von Staat und Volk anging, künftig äußerste Zurückhaltung auferlegte. Erst nach Krieg und Hitlerzeit gab sie diese Zurückhal-tung allmählich auf. In ihren letzten Lebensjahren machte sie wie-derholt Aussagen über kommende Katastrophen. Nein, sie sprach nie von einem Krieg, sondern immer wieder, und wörtlich von Ka-tastrophen. kommen lauter Katastrophen. Wiederholt und wörtlich drückte sie sich so aus: Ab 1980 gibt's Katastrophen über Katastrophen! Katastrophen über Katastro-phen! Es war die Zeit, als die intensive Bodenausnützung in der Landwirtschaft begann, der Maisanbau, die Silierung, die Erweite-rung der Ställe, der Einsatz von Spritzgiften und Kunstdünger, in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren also.
Da sagte sie: De Silo, de wo's jatz überoi bau', de stengan alle no laar! Zwischen 1980 und 1985 spätestens, da stenga de Silo laar! (Hier ist ein kurzer Hinweis auf die schon an anderer Stelle er-wähnten Datierungsschwierigkeiten der Seher angebracht, die freilich an der Sinnrichtung ihrer Voraussagen nichts ändern.) Zum Horner Andreas aber sagte sie: Und den Stoi, den wots da baut habts, den seg i wieda fliagn ! (Sie meinte wohl: wieder zu-sammenfallen, vielleicht auch umfallen.) Krankheitn kemma, de heit no koa Mensch kennt! Menschen sterben, mehra wia in alle Kriag mitanand, Katastrophen über Katastrophen kemman. Alle Jahr werds schlimmer! Und 86 kimmt de ganz grouße Katastro-phe!
Mit der Jahresangabe 45 hatte die Helmsauer Marie erstaun-licherweise recht behalten. Was es mit ihrer Voraussage für das Jahr 1986 auf sich haben und ob sie sich da nicht doch getäuscht ha-ben könnte, die Beantwortung dieser Fragen mußte sie nicht mehr erleben.
Am 19. Oktober 1973 vormittags wurde sie wegen Wassersucht und zunehmender Herzbeschwerden vom Geisenhauser Arzt, bei dem sie sich zur Untersuchung befand, umgehend ins Vilsbibur-ger Krankenhaus eingewiesen. I ko no net, widersetzte sie sich, was daatn da de Leit sagn, de heit nachmittag zu mir kemmand! Erst heit auf d'Nacht kon i ins Spitoi! Ehnder net! Mit letzter Kraft stand sie den Besuchern, die sich von weit her zur Helmsauer Marie begeben hatten, Rede und Antwort. Erst abends ließ sie sich von ihrem Ziehsohn ins Vilsbiburger Krankenhaus fahren. Dort ist sie vierundzwanzig Stunden später gestorben. Man schrieb den 20. Oktober 1973. Es war der Samstag vor Kirchweih.


mit freundlichen Grüßen
Fred



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