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Bauernkaiser, Irlmaier und der Waldviertler zu Kaisern und Königen (Schauungen & Prophezeiungen)

Taurec ⌂ @, München, Montag, 05.12.2011, 15:01 (vor 3651 Tagen) @ Gerhard (5536 Aufrufe)

Hallo!

Der "Bauernkaiser" ist ein mittelalterlicher Mythos nach dem Motto: Der zukünftige Erretterkaiser, unter dem das Reich Gottes auf Erden entstehen soll, muß ein ganz außerordentlich frommer und bescheidener Mensch sein, eben ein Bauer und keiner der prunkverwöhnten Adligen, die ständig mit dem Papst überkreuz liegen.

Die Idee hat sich dann in den Köpfen festgesetzt, wurde von Schrattenholz im Spielbähn aufgegriffen und von Hingerl im Lindelied, dann wahrscheinlich auch von Adlmaier/Irlmaier und dem Waldviertler, der höchstwahrscheinlich glaubte, selbst dieser Bauer zu sein. Es paßt ja alles, was er über den Kaiser sagt, genau auf ihn (siehe später).

Die Frage ist, was Irlmaier da gesehen hat.

Im Adlmaier 1 sagte er noch:
"Dann aber kommt der Papst wieder zurück und er wird noch drei Könige krönen, den ungarischen, den österreichischen und den bayrischen. Der ist ganz alt und hat schneeweiße Haare, er hat die Lederhose an und ist unter den Leuten wie seinesgleichen."

In der zweiten Auflage heißt es dann schon:
"Eine Krone sehe ich blitzen, ein Königreich, ein Kaiserreich wird entstehen. Einen alten Mann, an 'hageren Greis' sehe ich, der wird unser König sein. Der Papst, der sich kurze Zeit übers Wasser flüchten mußte, während die hohen Geistlichen scharenweise 'schiach' umgebracht wurden, kehrt nach kurzer Zeit wieder zurück. Blumen blühen auf den Wiesen, da kommt er zurück. Wenn es herbsteln tut..."

Und zwei der drei fallen unter den Tisch.

In der dritten Auflage kommt beides vor:
"Um Köln entbrennt die letzte Schlacht. Nach dem Sieg wird ein Kaiser vom fliehenden Papst gekrönt und dann kommt der Friede."

"Drei Kronen seh' ich blitzen und ein hagerer Greis wird unser König sein. Auch die uralte Krone im Süden kommt wieder zu Ehren (Ungarn?). Der Papst, der nicht lang flüchten mußte übers Wasser, kehrt zurück. Blumen blühen auf den Wiesen, da kommt er zurück und trauert um seine ermordeten Brüder. Wenn's herbsteln tut..."

Laut Burgstaller sagte er:
"Der Papst kehrt zurück und wird nach dem Kriege drei Könige krönen: einen König von Ungarn, einen König von Österreich und einen König von Bayern. Der letztere wird ein Greis mit schneeweißem Haar sein, ein sehr freundlicher und liebenswürdiger Mensch, der Lederhosen trägt."

Und laut Landshuter Zeitung sagte er dazu völlig im Widerspruch:
"Bayern, Österreich und Ungarn werden eine Donaumonarchie, ich sehe den Monarchen stehen, dort hinten in der Ecke. Es ist ein alter, grauer und hagerer Mann, er wird vom Papst gekrönt, denn der kommt wieder zurück."

Einmal sind es drei Könige in drei Reichen, dann wieder nur einer.

Beachten sollte man auch, daß Irlmaier nur von Bayern, Österreich und Ungarn spricht, jedoch nicht über ganz Deutschland.

Im Augenblick neige ich zu dem folgenden Kompromiß:
Es gibt einen alten, bürgerlichen (oder vielleicht sogar einen Wittelsbacher Adligen), der in Bayern herrscht. Ob dieser auch in Österreich und Ungarn herrscht oder diese Länder getrennt davon verwaltet werden, ist allein aufgrund der Irlmaieraussagen wegen deren Widersprüchlichkeit unklar.

Da Irlmaier sich nur auf diese Teilprovinzen des Reiches bezieht, gehe ich davon aus, daß es noch einen richtigen Kaiser/Imperator gibt, der auf einer Ebene höher über das Gesamtgebilde Deutschland oder Europa herrscht.
In Anlehnung an die Hierarchie im heiligen römischen Reiche müsste es sich bei dem oder den bayerischen, österreichischen, ungarischen um untergeordnete Fürsten oder Statthalter handeln. Davon hat Irlmaier denjenigen gesehen, der in seiner Heimat regiert. Ich glaube nicht, daß diese Unterfürsten vom Papst gekrönt werden. In der ganzen Geschichte wurde kein deutscher Fürst außer dem deutschen König vom Papst gekrönt, der eben durch diese Krönung nicht mehr nur deutscher König, sondern Kaiser war. Der Papst krönt nur Kaiser, keine Könige.

Diffus kommt noch einer bei Irlmaier vor, der gekrönt wird, und generell das Motiv der Papstkrönung. Unklar ist, ob Irlmaier da selbst etwas gesehen oder nur von einer seiner Vorlagen übernommen hat, bzw. Adlmaier, der Irlmaier dem Prophezeiungsmainstream ähnlicher machen wollte. Ich vermute letzteres.

Um Licht in die Sache zu bringen, ist der Waldviertler hilfreich. Lassen wir die Passagen beiseite, in denen er sich selbst als Bauernkaiser phantasiert hat, bleibt folgendes:

"Drei Männer sitzen mit dem Rücken nach Süden an einer Wand, in der Mitte der, der Deutscher Kaiser wird, einer wird österreichischer, der andere, soviel ich mich erinnern kann, ungarischer. Daß dem soviel beigemessen wird, wundert mich."

Das gleicht beinahe Irlmaier:
Ein Österreicher, ein Ungar, aber zuletzt kein bayerischer, sondern ein deutscher.

Und da stellt sich die Frage: Hat der Waldviertler von Irlmaier übernommen, ohne darauf hinzuweisen, oder hat er etwas ähnliches gesehen. Letztes würde auch die Verläßlichkeit von Irlmaiers drei Kronen erhöhen.

Halten wir fest: Der Waldviertler gibt an, das Geschehen immer aus Sicht seines eigenen Körpers (oder dessen, den er dafür hielt) gesehen zu haben:
"Diese Zeit kenne ich, wie schon erwähnt, meist aus der Sicht wie ich sie selbst, mit dem eigenem Körper, erleben werde. Ich weiß deshalb genau, wie dieser Kampf endet, wie es nach dieser Katastrophe in Deutschland aussieht. Ich kämpfe da selbst auf Seite der Deutschen gegen die räuberischen Truppenreste und weiß, was mir alles zustößt."

Ferner gibt er an, bei der Krönung selbst anwesend zu sein:
"Bei der besagten Krönung bin ich selbst dabei. Deshalb weiß ich auch, wer Deutscher Kaiser wird. Werde aber nie einen genaueren Kommentar geben."

Daraus folgt, daß er die Krönung tatsächlich gesehen hat und nicht etwa von Irlmaier übernommen.

Wir wissen auch, daß er sich selbst für den Kaiser hält oder hielt. Das habe ich schon mehrfach erwähnt, z. B. hier:
https://schauungen.de/forum/index.php?id=13307

- Kaiser werde ein niederösterreichischer Bauer.
- Er habe als Kind noch Hitlers reden gehört.
- Er sei selben Alters wie der damalige (1979) Finanzminister. Dieser wurde 1938 geboren (Hannes Androsch). Das ist auch das Geburtsjahr des Waldviertlers.
- Der Kaiser sei einer der Kämpfer. Aus deren Sicht sah der Waldviertler ebenfalls.

Daraus folgt, daß der Waldviertler die Krönung aus der Sicht des deutschen Kaisers gesehen hat, nämlich desjenigen, der in der Mitte sitzt, mit seinen Handlangern rechts und links. Dieses Bild ist echt waldviertlerisch und ebenso echt waldviertlerisch völlig falsch interpretiert worden.

Es scheint also mindestens noch zwei zu geben und Irlmaiers drei Kronen bekommen auch etwas mehr Gewicht.
Dies schließt jedoch nicht aus, daß der Waldviertler zwar drei gekrönte Häupter gesehen, die Tatsache, daß zwei davon österreichisch, bzw. ungarisch sind, aus den Irlmaiertexten übernommen hat.
Es bedeutet aber auf jeden Fall, daß nicht nur ein Kaiser, sondern noch mehrere provinzielle an die Macht kommen.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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